Forum für psychoanalytische Forschung

Juni 25, 2009

Hörenswertes: psychoanalytische und philosophische podcasts

Gespeichert unter: Kritische Theorie, Laplanche, Philosophie, Psychoanalyse, Traum, podcast — Schlagworte: , , , , , , — church-lippmann @ 10:44

Dank MP3-Player und podcasts lassen sich die Poren der theoriefreien Zeit im Alltag tendentielle schließen. Ob beim Spülen, Putzen oder in der Straßenbahn: Man muss nicht auf schlaue Gedanken verzichten. Für psychoanalytisch und philosophisch Interessierte möchte ich die folgenden deutschsprachigen podcasts hervorheben.

Die philosophische Audiothek des Instituts für Philosophie der Universität Wien (http://audiothek.philo.at/) bietet ein reichhaltiges Angebot an podcasts zu philosophischen und auch zu psychoanalytischen Themen. Leider sind die Beiträge nur unzureichend verschlagwortet, so dass man recht gezielt nach einzelnen TheoretikerInnen suchen muss – Oberbegriffe, wie z.B. „Psychoanalyse“ ergeben nur eine eingeschränkte Auswahl. Highlights sind z.B. ein Interview mit Jean Laplanche, incl. einer Darstellung dessen allgemeiner Verführungstheorie (Teil1, Teil2) oder der Vortrag Ist der Ödipuskomplex universell? von Georg Gröller (Teil1, Teil2), der auch als pdf im Internet zu finden ist. Insgesamt möchte ich die Beiträge von Ulrike Kadi hervorheben, die neben anderen die Sendung „philosophische Brocken“ moderiert, und deren Sendungen sich im Spannungsfeld von Philosophie und Psychoanalyse bewegen.

Ein wahres Fernstudium erlauben die Audiomitschnitte der Vorlesungen von Petra Gehring: http://www.e-learning.tu-darmstadt.de/openlearnware/philosophie/index.de.jsp.

Mit viel Erkenntnisgewinn habe bisher ihren Ausführungen zu Zeittheorien (Teil1, Teil2) und zu Hegel gelauscht. Gehring bleibt stets dicht am Gegenstand und präsentiert zugleich eine genaue Lektüre der verhandelten Texte, ohne jedoch an diesen kleben zu bleiben – vielmehr ist ihr die historische und kulturelle Kontextuierung ein Anliegen. Hier hört man philosophisches Denken arbeiten. Für das Forum (insbesondere für das nächste Treffen) dürfte vorallem ihre Vorlesungen zum Traum von Interesse sein. In dieser Veranstaltung hat sich Gehring das interessante Ziel gesetzt, nicht nur einen theoriegeschichtlichen Überblick über antike und neuzeitliche Traumtheorien zu liefern, sondern vielmehr zu untersuchen, wie die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit konsttitutiv für die Wirklichkeit ist. Aus der „Nachtseite“ der Vernunft heraus wirft sie Schlaglichter auf das sich selbst selbstverständliche Tagbewusstsein und stellt so dieses als aus der Trennung Gewordenes dar. Ich stecke noch im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, kann also nicht die gesamte Vorlesungsreihe beurteilen, doch die Programmatik ist viel versprechend. Das Verzeichnis der Vorlesungsmitschnitte gibt drei Veranstaltungen explizit zu Freud an.

In Leipzig veranstaltet der Thomasius-Club ein Mal im Monat eine Diskussionsveranstaltung mit einer/einem AutorIn zu einem aktuellen Buch und stellt den Audiomitschnitt dankenswerterweise ins Internet. Die ModeratorInnen, Ulrich Johannes Schneider und Claudia Albert, setzen ihre Gäste auf einen m.E. recht heißen Stuhl. Hier herrscht zum Teil nicht eine gastfreundliche Lektüre vor, die den/die AutorIn mit gutem Willen auslegt, sondern vielmehr wird eher eine Athmossphäre produziert, in der sich die/der Autor dafür zu rechtfertigen hat, dass sie/er an die Öffentlichkeit getreten ist. Doch die Gäste wissen sich zu wehren oder überhören einfach die Provokationen und das Ergebnis ist vor allem eins: hörenswert. Für das Forum möchte ich unter den vielen spannenden Gästen folgende hervorheben:

- Christoph Türcke stellt sich der Diskussion seines Buches Heimat. Eine Rehabilitierung.

- Eske Bockelmann, auf dessen Lektüre des antiken Rhythmus-Begriffs ich in meinem letzten Text für das Forum Bezug genommen hatte, verteidigt den ehrgeizigen Anspruch seines Buches Im Takt des Geldes.

- Toshiaki Kobayashi erzählt zwar auch über sein Werk (was für sich schon spannend ist), aber auch viel über sein Leben. Diese Ausführungen sind allein schon aufgrund der von Ulrich Johannes Schneider erzählten Anekdote, wie er zusammen mit Toshiaki Kobayashi und Klaus Heinrich in ein Restaurant einkehrt und Klaus Heinrich die Bedienung irre macht, hörenswert. Klaus Heinrich bestand wohl auf einen „schönen“ Wein und ließ sich durch Kategorien, wie trocken oder fruchtig, nicht befriedigen.

- Ganz neu (und von mir noch nicht gehört): Robert Pfaller zu seinem Buch Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft.

Am Ende möchte ich noch einen Vortrag von Lars Quadfasel erwähnen: „Die Wahrheit des Unbewussten. Zur Eigenart der psychoanalytischen Erkenntnis„. Quadfasel leistet hier eine Einführung in die Psychoanalyse, die auch für eine in der psychoanalytischen Theorie bewanderten Zuhörerschaft höchst spannend ist. Er referiert kenntnisreich Freud und interpretiert ihn auf die ihm eigene charmante Weise, u.a. mit Rückbezug auf die Laplanche allgemeine Verführungstheorie und das Konzept der Nachträglichkeit. Insbesondere wegen den, wenn auch kurz geratenen, Passagen zum Verhältnis von psychoanalytischer Erkenntnis und Gesellschaft sehr hörenswert.

Juni 19, 2009

Alte Bekannte

Ich habe den relaunch des blogs als Anlass genommen im Internet nach Spuren von ehemaligen TeilnehmerInnen des Forums zu forschen. Hier die Ergebnisse:

Was macht also z.B. Anna Tuschling: Sie hat eine Stelle am Institut für Medienwissenschaft in Basel. Ihre Dissertation wird voraussichtlicht im August unter dem Titel „Klatsch im Chat – Freuds Theorie des Dritten im Zeitalter elektronischer Kommunikation“ bei transcript erscheinen. Letztes Jahr hat sie einen den Kongress „medias in res“ in Basel mitorganisiert. Sämtliche Vorträge des Kongresses, die ich bis auf wenige Ausnahmen äußerst spannend fand, und noch viele weitere Vorträge kann man als podcast auf der Doku-website des IfM herunterladen (das Herunterladen lohnt sich für firefox User, da die Vorträge als live-stream in firefox nach der Hälfte abbrechen). Viele der Vorträge gehen medientheoretische Fragestellungen aus psychoanalytischer Perspektive nach. Alles sehr hörenswert – besonders auch der Vortrag von Anna Tuschling selbst:  “Messer ohne Klinge, an welchem der Stil fehlte”. G. C. Lichtenberg zu einer defekten Camera Obscura. In dem Vortrag legt Anna Tuschling eine wortwörtliche Lesart des bekannten Lichtenberg Zitats vor, dass z.B. in Freuds Witztheorie paradigmatisch für die Art des Unsinnswitz wurde. Neben der ausführlichen Darlegung der zahlreichen theoriegeschichtlicher Bezüge auf den Satz Lichtenbergs, gelingt es Anna Tuschling darzustellen, inwiefern sich das lichtenbergsche Messer als Vision der Funktionsweise des Computers interpretieren lässt.

Christine Kirchhoff arbeitet am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Ihre Dissertation wird voraussichtlich im Oktober im Psychosozialverlag  erscheinen und trägt den Titel: „Das psychoanalytische Konzept der >>Nachträglichkeit<< – Zeit, Bedeutung und die Anfänge des Psychischen“ . Über die Vorträge, die sie in den letzten Jahren gehalten hat, lässt sich im Internet leider nichts in digitaler Form finden. Dafür hat jedoch der Ça ira-Verlag ihren Beitrag in dem von ihr 2004 mitherausgebenen Sammelband „Gesellschaft als Verkehrung – Perspektiven einer neuen Marx-Lektüre. Festschrift für Helmut Reichelt“ als Leseprobe auf der Verlags-website veröffentlicht: „Die Möglichkeit als eine der Wirklichkeit fassen – Über den Erfahrungsbegriff Theodor W. Adornos„. Hierbei handelt sich um eine überarbeitete und deutlich erweiterte Fassung eines von Christine Kirchhoff 2003 auf der Bremer Adorno Konferenz „Gesellschaft im Widerspruch“ gehaltenen Vortrags. Der Artikel hält, was der Titel verspricht – Christine Kirchhoff reflektiert die zentrale Bedeutung des Erfahrungsbegriffs für die kritische Gesellschaftstheorie Adornos. Kritische Theorie nicht nur referiert, sondern gedacht und weitergedacht.

Katharina Rothe forscht im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung im Verbundprojekt  Karriereverläufe von Ärztinnen und Ärzten in Leipzig und ist außerdem Redaktionsmitglied der Zeitschrift Psychoanalyse. Texte zur Sozialforschung. Ihre Dissertation ist Januar diesen Jahres unter dem Titel „Das (Nicht-)Sprechen über die Judenvernichtung – Psychische Weiterwirkungen des Holocaust in mehreren Generationen nicht-jüdischer Deutscher“ im Psychosozialverlag erschienen. Mit Oliver Decker et al. hat sie 2008 eine breit angelegte psychoanalytisch orientierte Studie zu Rechtsextremismus und Demokratieverständnis in Deutschland veröffentlicht: „Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen in Deutschland“ – dies ist in der Tat der link zur kompletten Studie! Diese habe ich leider noch nicht gelesen, doch ich bin gespannt.

Bloggen Sie auf WordPress.com.