Abduktion - Apagoge: Spurensuche
Nachdem auf dem letzten Forumstreffen von Frau Prof. Löchel die Fährte “Abduktion nach Aristoteles” ausgestreut wurde, habe ich mich im Netz auf Spurensuche begeben.
Der Begriff der Abduktion ist in der neueren Philosophiegeschichte vorallem durch C.S. Peirce bekannt geworden. Dieser bezieht sich auf die Schlussform der Apagoge, die Aristoteles von der Induktion und Deduktion abgrenzt (Erste Analytik II, 25, 69a) . “Die Übersetzung des Begriffs Apagoge mit Abduktion erfolgte 1597 erstmals durch Julius Pacius, einen Heidelberger Rechtsprofessor.” (vgl.:http://de.wikipedia.org/wiki/Abduktion_%28Wissenschaftstheorie%29)
Sehr schlicht formuliert wird allgemein unter Abduktion folgende Schlußform verstanden:
Wenn es regnet wird die Straße naß.
Die Straße ist naß.
Also hat es geregnet.
Ein streng formallogisch nicht erlaubter Schluß, da der Umkehrschluß nicht erlaubt ist - es kann auch ein Straßenreinigungsfahrzeug vorbei gefahren sein. Die Abduktion ist ein Schluss auf das Wahrscheinliche.
Einige Übersichtsartikel, die sich jedoch inhaltlich vorallem auf Peirce beziehen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Abduktion_%28Wissenschaftstheorie%29
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/DENKENTWICKLUNG/Abduktion.shtml
http://www.lexika24.de/lexikon/medizin/a/abduktion.html
Wer seine Peirce Kenntnisse vertiefen will, sei an die Artikelsammlung der Homepage des Arbeitskreises Abduktionsforschung der Uni Frankfurt verwiesen:
http://user.uni-frankfurt.de/%7Ewirth/index.html
Aus dieser Sammlung möchte ich besonders auf den Aufsatz “Gültige Entdeckung des Neuen? Zur Bedeutung der Abduktion in der qualitativen Sozialforschung” von Jo Reichertz hinweisen - er scheint mir dem Begriff einigermaßen gerecht zu werden und ist leicht verständlich (wenn auch anti-psychoanalytisch):
http://user.uni-frankfurt.de/~wirth/texte/reich.htm
Insgesamt scheint sich die scientific community darin einig zu sein, dass die Abduktion als Schlussform im Gegensatz zur Induktion oder Deduktion das Neue zu lässt, aber gerade aus diesem Grunde nicht notwendig ist. Deshalb bedarf es nach der Abduktion, der Deduktion und schließlich der Induktion im Experiment. Ganz sicher bin ich mir jedoch nicht, insbesondere weil Jo Reichertz in einem anderen Text bestreitet, dass sich bei der Abduktion um eine Schlussform handelt - es sei vielmehr ein Handlungstypus. Dieser Artikel ist aber auch wegen der umfassenden Darstellung der Rezeptionsgeschichte der Theorie Peirces lesenswert:
http://www.uni-essen.de/kowi/reichertz/downloads/abduktion.pdf
Mir scheint mit meiner gefährlichen und frischen Halbbildung Peirce ein sympathischer und bis zum äußersten reflektierter Positivist zu sein. Der Begriff der Abduktion erscheint mir als Ausbruchsversuch aus der formalen Logik, der jedoch - so mein Verdacht - doch der formalen Logik verhangen bleibt, da er die Formen der Logik nicht auf ihre inhärente Dialektik reflektiert, bzw. inhaltlich begründet (der lexika24 Artikel nennt dem entsprechend die Dialektik nach Hegel als “konkurriende Wissenschaftstheorie”). Einiges, was Peirce schreibt läßt sich mit dem psychoanalytischen Prozeß in Einklang bringen, anderes nicht…
Soviel zur breit vorhandenen Nebenfährte. Über die Apagoge findet sich weniger im Netz. Z.B. folgender Eintrag aus Kirchners “Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe”:
http://www.textlog.de/1099.html
Dieser ordnet jedoch die Apagoge unter die rhetorischen Schlüsse ein.
Das schon zitierte 25. Kapitel des zweiten Buches der Analytik von Aristoteles findet sich hier:
http://www.aristoteles-heute.de/SeinAlsGanzesUnbewegt/Logik/Analytik1/Analytik1225.htm
Und wer es genau wissen will - und das wollen wir doch wohl -, der wird wohl auf der Suche nach antiken Schlußformen, die das neuzeitliche Denken aus sich ausgeschlossen hat, Aristoteles selbst ausführlicher studieren müssen und dabei folgende Quelle zu Rate ziehen:
http://www.aristoteles-heute.de/SeinAlsGanzesUnbewegt/Logik/Aristoteles%20-%20Organon.pdf
Das komplette Organon des Aristoteles als pdf mit praktischen Lesezeichen - manchmal liebe ich das Netz.
Ich habe gerade mit einem befreundeten Philosophen über Aristoteles diskutiert und die angegebene Übersetzung ist mit Vorsicht zu genießen, da sie keine griechische Originalstellen angibt. Mit den Originalstellen ist es wohl eh’ etwas schwierig, da ein Teil des Originals vernichtet wurde und deshalb besonders bei Aristoteles gilt, dass die Übersetzung eine Interpretation darstellt. Die verlinkte Übersetzung steht eindeutig in der Tradition der Aristoteles Auslegung, die in Aristoteles den Entdecker der Schlußformen ausmachen will. Begriffe wie Oberbegriff und Unterbegriff oder Art und Gattung sind selbst neuzeitliche Begriffe. Ebenso ist die Formalisierung in A, B und C ein nachträglicher Beitrag. Man ist also auf die kritische Ausgabe verwiesen.
Kommentar von lippmann — Januar 31, 2007 @ 12:52 Uhr nachmittags