Unter http://www.psychoanalyse-aktuell.de/wissenschaft/neurowissenschaft.html ist ein Artikel von Marianne Leuzinger-Bohleber zum “Dialog” zwischen Neurowissenschaften und Psychoanalyse erschienen. Sie referiert zunächst die Geschichte dieses Dialogs und hält diesen prinzipiell für fruchtbar. Lorenzer bestimmt sie als einen Vorreiter des aktuellen Diskurses. Gegen Ende des Artikels warnt sie jedoch mit einem Zitat von Michael Hagner vor einer Verflachung des Denkens und des Erforschens des “psychischen Lebens” durch das Paradigma der Bildgebendenverfahren.
Auch in diesem Artikel wird mir nicht deutlich, worin der Erkenntnisgewinn für die Psychoanalyse besteht. Das einzige Beispiel ist die Länge der Zeit (bzw. das Durcharbeiten), die die Analyse bedarf um psychische Strukturen zu ändern. Hier gewährt die Neurowissenschaft scheinbar Rückendeckung in dem sie belegt, dass sich die physiologischen Korrelate nicht schlagartig zu ändern vermögen. Die Neurowissenschaften werden hierbei als eine Art objektiver Maßstab präsentiert, mit dem sich die Psychoanalyse als kompatibel zu erweisen hat.
Ansonsten finde ich es erwähnenswert, dass die Fokussierung auf Hirnstrukturen zu einem linearen Verständnis der Zeitlichkeit zu führen scheint. Frühkindliche Erfahrungen prägen Hirnstrukturen, die sich schwerlich ändern lassen und die sozusagen an sich das weitere Leben determinieren. Dieses Verständnis von Zeitlichkeit, mit dem sich keinerlei Nachträglichkeit denken lässt, findet sich übrigens auch schon in Lorenzers Konzept der leiblichen Engramme/Interaktionsformen.
Bin gerade nebenbei gestossen auf einen Text von Peter Schneider, der sich den "Furor des Lokalisierens" (Mittelweg 36, 11, 1 (feb 2002), 77-91), einen wohl nicht unwesentlichen Aspekt der Hirnforschung, vornimmt. U.a. mit dem Befund, mit der Vorstellung eindeutiger Lokalisierbarkeit kehrt sie zu Positionen zurück, die Freud nicht einfach fremd sind, sondern die er auf dem Weg zur Psa dezidiert überwunden hat (die Hoden der Aale finden…). Vielleicht muss die Psa ja dafür (wieder) hochgehalten werden, damit man sich an einer an ihr angelegten Regressionslinie der Theorieentwicklung orientieren kann (sich die Hirnforschung selbst dort lokalisieren kann). (Womit hat Freud sich eigentlich etwa um 1860 beschäftigt, nur damit man weiß, wohin die Reise geht?) Eine, wie mir scheint, einschlägige Freud-Stelle zu diesem Thema findet sich übrigens in "Das Unbewusste" (GW X, 273f.).
Unter http://neuropsychoanalyse.blogspot.com lässt sich studieren, was passiert wenn sich redlich darum bemüht wird, die Psychoanalyse unanalytisch zu beweisen. Da soll der Prägungsbegriff den Ödipuskomplex begründen, bewusste (sic!) Verdrängung wird experimentell bewiesen und Traum ist keine Wunscherfüllung sondern Ausdruck bestimmter Hirnregionen, die die Wünsche dirigieren. Als hätte Freud nicht schon längst aus den verschiedensten psychischen Phänomenen heraus die Verdrängung erklärt und den Traum immanent auf die Wunscherfüllung zurückgeführt. Die Erweiterung durch die Hirnforschung scheint auf eine Verkürzung des psychoanalytischen Wissens hinaus zu laufen.
Anbei eine gänzlich antipsychoanalytische Kritik an der Hirnforschung von Freerk Huisken. Ich habe den Text noch nicht ganz durchgearbeitet. Die Einleitung ist einigermaßen ärgerlich, da Huisken die Hirnforschung als die Radikalisierung der Psychoanalyse darstellt. Ab Punkt 2 ("Paradoxa und ihre scheinbare Auflösung"
wird es spannend. Huisken rechnet Roth einige erkenntnistheoretische Paradoxa vor. Die Argumente sind, um im Jargon zu bleiben, "einleuchtend". Huisken setzt den freien Willen absolut, aber ich halte dies für eine bewußtseinsphilosophische Position, an der psychoanalytische Kritik ansetzen kann.
http://www.fhuisken.de/hirn.htm
posted von Lars Lippmann
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