Unter http://www.psychoanalyse-aktuell.de/wissenschaft/neurowissenschaft.html ist ein Artikel von Marianne Leuzinger-Bohleber zum „Dialog“ zwischen Neurowissenschaften und Psychoanalyse erschienen. Sie referiert zunächst die Geschichte dieses Dialogs und hält diesen prinzipiell für fruchtbar. Lorenzer bestimmt sie als einen Vorreiter des aktuellen Diskurses. Gegen Ende des Artikels warnt sie jedoch mit einem Zitat von Michael Hagner vor einer Verflachung des Denkens und des Erforschens des „psychischen Lebens“ durch das Paradigma der Bildgebendenverfahren.
Auch in diesem Artikel wird mir nicht deutlich, worin der Erkenntnisgewinn für die Psychoanalyse besteht. Das einzige Beispiel ist die Länge der Zeit (bzw. das Durcharbeiten), die die Analyse bedarf um psychische Strukturen zu ändern. Hier gewährt die Neurowissenschaft scheinbar Rückendeckung in dem sie belegt, dass sich die physiologischen Korrelate nicht schlagartig zu ändern vermögen. Die Neurowissenschaften werden hierbei als eine Art objektiver Maßstab präsentiert, mit dem sich die Psychoanalyse als kompatibel zu erweisen hat.
Ansonsten finde ich es erwähnenswert, dass die Fokussierung auf Hirnstrukturen zu einem linearen Verständnis der Zeitlichkeit zu führen scheint. Frühkindliche Erfahrungen prägen Hirnstrukturen, die sich schwerlich ändern lassen und die sozusagen an sich das weitere Leben determinieren. Dieses Verständnis von Zeitlichkeit, mit dem sich keinerlei Nachträglichkeit denken lässt, findet sich übrigens auch schon in Lorenzers Konzept der leiblichen Engramme/Interaktionsformen.